Sonntag 18. Februar 2018

Medienkommentar Gesundheit & Medizin

Für eine Psychiatrie ohne Zwang und Gewalt (1 von 2)

Für eine Psychiatrie ohne Zwang und Gewalt Sonntag, 18.02.2018 (1 von 2)
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Einnahme von Psychopharmaka kann zu Gewalt und Selbstmord führen Donnerstag, 17.09.2015 (2 von 2)

Im Oktober 2017 fand in Berlin der Weltkongress der Psychiatrie statt. Verschiedene Organisationen veranstalteten nahezu zeitgleich eine Demonstration gegen den Weltkongress mit der Forderung, Psychiatrien ohne Zwang und Gewalt in Deutschland zu etablieren. Doch sind schwerst psychisch kranke Menschen überhaupt therapierbar ohne Zwangsmaßnahmen wie Isolierung, Psychopharmaka und Elektroschocks? Sehen Sie, welch erstaunliche und mutmachende Erfahrungen in einigen Kliniken gemacht wurden.

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Für eine Psychiatrie ohne Zwang und Gewalt 18.02.2018

Jedes Jahr im Herbst treffen sich aus allen Teilen der Welt Psychiater zum Weltkongress der Psychiatrie. Dieser wurde im letzten Jahr vom 8.-12. Oktober vom Weltverband der Psychiatrie zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin veranstaltet. Fast zeitgleich veranstalteten verschiedene Organisationen, wie auch die „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte“, kurz KVPM, in Berlin eine Demonstration gegen den Weltkongress. Dabei wurde auf Missstände in der Psychiatrie hingewiesen. Sie fordern zum Beispiel konkrete Schritte, um eine zwangsfreie Psychiatrie in Deutschland zu etablieren. Ein Psychiater, der sich seit langem für eine Psychiatrie ohne Zwang und Gewalt einsetzt, ist Dr. Martin Zinkler, Chefarzt der psychiatrischen Klinik in Heidenheim. Im Rahmen der Proteste zum Weltkongress der Psychiatrie am 8. Oktober sagte er in einer Rede Folgendes: „In Deutschland gibt es keine psychiatrische Klinik, die ohne die Anwendung von Zwang auskommt. (…) Daraus könnte man den Schluss ziehen, Zwangsmaßnahmen seien ein Teil der psychiatrischen Arbeit. (…) Deutschland leistet sich aber (…) unglaubliche Unterschiede der Lebens- Verhältnisse. So ist ihr Risiko als Patient einer psychiatrischen Klinik in Herne, Westfalen, Opfer einer Zwangsmaßnahme zu werden, bei weniger als 1 %, in manchen Kliniken in Baden-Württemberg jedoch 12 % oder sogar in einem Fall 17 %.“ Folgende Maßnahmen führen laut Dr. Zinkler und anderen aktuellen Studien zu einem deutlichen Rückgang der Notwendigkeit von Zwangsmaßnahmen: In psychiatrischen Kliniken finden sich häufig noch geschlossene Stationen oder Bereiche, auch unter dem Begriff „beschützte Bereiche“ bezeichnet. Dort werden Patienten behandelt, die von der Polizei gebracht werden, sich akut selbst gefährden oder auf anderen Stationen nicht „führbar“ seien. Diese Patienten möchten häufig nicht stationär bleiben, sind frustriert, wütend, verwirrt oder verzweifelt. In geschlossenen Stationen sind sie laut Dr. Zinkler häufig mit ihrer Wut, Verwirrung und Verzweiflung konfrontiert. Dabei benötigen sie genau das Gegenteil: Mut, Verständnis, Struktur und Hoffnung. Die Auswirkung der Öffnung dieser Stationen wurde unter anderem in Berlin an der Charité Universitätsklinik sowie in der psychiatrischen Uniklinik für Erwachsene in Basel in Studien untersucht. An beiden Orten führte die Öffnung der vormals geschlossenen Abteilungen zu einer deutlichen Abnahme der Gewaltereignisse und zu weniger Zwangsmedikationen. Auch die Behandlung von Borderline-Patienten, die dazu neigen sich selbst zu verletzen, führte auf einer offenen Kriseninterventionsstation im Vergleich zu einer geschlossenen Akutstation dazu, dass Zwangsmaßnahmen massiv reduziert werden konnten. Auch ein Rückgang der Selbstschädigungs- und Gewaltereignisse wurde erreicht. Damit Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie in Deutschland immer weniger notwendig werden, fordert Dr. Zinkler unter anderem Folgendes: Ein Verbot von geschlossenen Stationen und von Stationen, in denen psychisch schwerkranke Patienten zusammengelegt werden. Die Kliniken sollen verpflichtet werden, auf allen Stationen ein Gewalt vermeidendes Milieu zu schaffen sowie ein Verbot von geschlossenen Wohn- und Pflegeheimen und ein Verbot der zwangsweisen Anwendung von Psychopharmaka und Elektroschock. Liebe Zuschauer, Herr Dr. Zinkler zeigt als einer der Vorreiter anhand seiner Klinik, dass ein Verzicht auf Zwang in der Psychiatrie in vielen Fällen machbar ist. Denn in seiner Klinik werden Patienten nicht isoliert und es gibt keine geschlossenen Stationen. So bescheinigt er auch der deutschen Psychiatrie einen mangelnden Reformgeist zu haben. Dies geht auf Kosten vieler psychisch erkrankter Patienten. Denn alle Arten von Zwangsmaßnahmen stellen laut dem Ethikprofessor Dr. Giovanni Maio aus Freiburg in jedem Fall einen schweren Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht und das Recht auf persönliche Freiheit eines Menschen dar, die zusätzlich psychisch traumatisieren können. Verbreiten Sie diese Sendung, damit hier ein Umdenken geschehen kann und psychisch erkrankte Menschen vor allem Mut, Verständnis, Struktur und Hoffnung zur Unterstützung ihrer Heilung erhalten.

von ch.


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